Hofbesuch

Milcherfassung per Datenband

Eine Familie aus dem Wendland hat viel in die Modernisierung ihres Hofs investiert. Ihr Betrieb gilt in der Region als gutes Beispiel für moderne Milcherzeugung. Dazu gehören zum Beispiel die großen Boxenlaufställe und eine kuhgenaue Datenerfassung. Das hilft auch bei dem Fragebogen für das Nachhaltigkeitsmodul Milch. Ein Hofrundgang bei Uelzena-Lieferanten.


Laut sind nur die Spatzen und Schwalben, die schnell unter dem Stalldach hin und her fliegen und kräftig zwitschern. Die rund 150 Kühe hingegen geben kaum einen Ton von sich. Hier und da raschelt es, wenn sich eines der Tiere am Futter bedient, gemächlich aus einer der Liegeboxen erhebt oder durch einen der Laufgänge geht. Ansonsten ist es still.

„Diese Ruhe unter den Kühen ist ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass sie zufrieden sind“, sagt Karola Stegemann. Dass sich ihre Kühe so wohl fühlen, ist kein Zufall. Stegemann und ihr Lebensgefährte Christian Dreyer haben hart dafür gearbeitet und mehr als eine Million Euro in ihren Hof investiert.

Die beiden sind Landwirte in Dangenstorf, einem Dorf im Wendland, Landkreis Lüchow-Dannenberg. Uralte, restaurierte Fachwerkhäuser säumen die wenigen Straßen, es gibt einen Gasthof, einen Sportplatz und eine freiwillige Feuerwehr. Früher war der Ort mit rund 200 Einwohnern landwirtschaftlich geprägt. Heute ist der Betrieb von Stegemann und Dreyer einer von wenigen. Gemeinsam halten sie auf ihrem Hof rund 150 Milchkühe und etwa genauso viele Kälber und Jungrinder. Die frische Milch liefern sie seit 30 Jahren exklusiv an die gleiche Molkerei, die heutige Milcherfassung Uelzena, die frühere Wendlandmilch in Lüchow, seit jeher ein Genossenschaftsmitglied der Uelzena eG.

Milchwirtschaft im Wandel

Die Arbeitstage von Karola Stegemann und Christian Dreyer beginnen um sechs Uhr morgens mit dem ersten Melkgang und enden nach zwölf Stunden mit dem zweiten, im Sommer sogar noch später. Die Kühe müssen gemolken werden, sieben Tage in der Woche. Angestellte haben sie keine, aber die beiden erwachsenen Söhne helfen tatkräftig mit. Der 29-jährige Julian hat bereits seinen Meister als Landwirt absolviert. Philipp, 22 Jahre alt, ist ebenfalls ausgebildeter Landwirt. Im Juli 2019 wollen die Brüder den Hof übernehmen und zukünftig gemeinsam weiterführen.

Der Gedanke an ihre Kinder war für Dreyer und Stegemann auch der entscheidende Antrieb, den Hof im Jahr 2014 zu modernisieren und zu vergrößern. „In dem alten Stall war es doch recht eng und die Arbeit dauerte sehr lang. Jetzt geht alles viel einfacher und schneller“, erklärt Stegemann. Bis zu drei Stunden dauerte früher ein Melkgang. Heute schaffen sie es in einer Stunde und 30 Minuten. Zudem seien die Haltungsbedingungen wesentlich besser und die Kühe erkranken seltener, ergänzt Dreyer.

Und es gab noch einen weiteren Grund: Die Milchwirtschaft wandelt sich. Nach mehr als 30 Jahren hat die Europäische Union 2015 die Milchquote abgeschafft. Jetzt können Erzeuger wie Stegemann und Dreyer mehr Milch produzieren und verkaufen. Diese Chance wollten sie nutzen und haben die Anzahl ihrer Kühe von 70 auf 150 mehr als verdoppelt. Sie sind sich sicher: Ihr Betrieb ist mit seiner fortschrittlichen Milcherzeugung gut für die Zukunft gerüstet. Herzstück der Modernisierung sind die neue Melkanlage und der neue Boxenlaufstall.

Die Revolution im Kuhstall

Viele ältere Ställe sind vergleichsweise klein, eng und dunkel. Ganz anders dagegen der neue Stall von Stegemann und Dreyer: Wer ihn betritt, hat immer noch das Gefühl, draußen zu sein. Durch die offenen Seiten weht ungehindert kühle Luft hinein. Und es ist fast genauso hell wie draußen. Für die Kühe, die ein ganz anderes Kälteempfinden haben als Menschen, ist diese Nähe zu Wind und Wetter angenehm.

Und groß ist der Stall. Dreyer blickt von einem Ende zum anderen. Rund 850 Quadratmeter Grundfläche, etwa so groß wie drei Tennisplätze – moderne Boxenlaufställe müssen geräumig sein, weil die Tiere darin nicht mehr angebunden gehalten werden. Stattdessen können sich die Kühe in den Laufgängen frei bewegen und selbst entscheiden, auf welchem Liegeplatz sie ruhen und wann sie wo fressen. „Die Haltungsbedingungen in unserem modernen Stall gleichen denen der Bio-Standards für Milcherzeugung – es gibt hier keine Unterscheidung“, so Dreyer.

Für jede der 150 Kühe steht eine eigene Liegebox bereit, eingestreut mit einem weichen Gemisch aus Stroh, Sägespänen und einem speziellen Kalk, der den pH-Wert hebt und antibakteriell wirkt. Das beugt Eutererkrankungen vor und erhöht den Komfort der Kühe, die bis zu 16 Stunden am Tag liegen. Jeden Tag werden die Boxen zweimal gereinigt und frisch eingestreut. In den Laufgängen sorgt eine Art Schneepflug für Sauberkeit. Alle zwei Stunden schiebt er automatisch den Kuhmist in ein tiefer gelegenes Auffangbecken. So bleiben die Laufgänge trocken und die Klauen der Kühe gesund. Auch geeignetes Futter trägt zur Tiergesundheit bei. Die beiden Landwirte engagierten eigens einen Futterberater, der das Verhältnis zwischen den einzelnen Zutaten exakt einstellt. Es ist eine ausgewogene und bekömmliche Mischung aus Mais- und Gras-Silage, Getreide, Raps- und Sojaschrot, Stroh und Mineralfutter.

Halbierte Kosten für den Tierarzt

Neben dem Hauptteil gibt es abgetrennte Stallbereiche: einen für trächtige Kühe kurz vor der Kalbung, einen für frisch geborene Kälber und einen für frisch abgekalbte oder kranke Tiere. Dreyer kennt jede Kuh mit Namen und leidet mit, wenn es einer mal schlecht geht. "Unsere Kühe haben in dem neuen Stall mehr Platz, ihre Lebensbedingungen sind besser und sie sind weniger Stress ausgesetzt. Seitdem haben sich unsere Tierarztkosten halbiert", sagt Dreyer. Gesunken seien auch die durchschnittlichen Zell- und Keimzahlen, wichtige Qualitätsmerkmale der Milch. Die Zellzahl verrät, ob die Kuh gesund ist oder ob sie an einer Mastitis, einer Euterentzündung, erkrankt ist. Je niedriger dieser Wert ist, desto besser. Die Keimzahl besagt, ob die Milch nach dem Melken auch gut gekühlt wird und wie hygienisch der Betrieb arbeitet. Ist dieser Wert zu hoch, muss nachgeforscht werden.

Die Haltungsbedingungen in unserem modernen Stall gleichen denen der Bio- Standards für Milcherzeugung – es gibt hier keine Unterscheidung.

Christian Dreyer, Landwirt

Kuh mit Datenband

Direkt neben dem Stall steht die neue Melkanlage samt Kühlturm. Der neue Kühlturm ist haushoch, fasst bis zu 25.000 Kilo Milch und senkt ihre Temperatur in wenigen Minuten auf die erforderlichen fünf Grad ab. Die alte Kühlung brauchte dafür noch bis zu eine Stunde. Besonders stolz sind Stegemann und Dreyer auf die neue Melkanlage. Sie ähnelt einem Karussell. 24 Kühe können sie hier gleichzeitig melken. Zuvor waren es zehn. Jede Kuh trägt ein Datenband mit einem Chip, der per Transponder automatisch ausgelesen wird. Im Computer des Überwachungsraums laufen dann Informationen über die erbrachte Milchmenge der Kuh ein. Jedes Tier gibt im Jahresdurchschnitt 12.000 Kilogramm Milch. Pro Tag füllt sich der Kühlturm um rund 5000 Kilo. Und alle zwei Tage wird die Milch von der Milcherfassung Uelzena eG eingesammelt. "Das Gute ist, dass wir mit der neuen Anlage schnell und effektiv arbeiten können. Da bleibt mehr Zeit, uns noch intensiver um die einzelnen Kühe zu kümmern", sagt Dreyer.

Aufgaben für die nächste Generation

Mit ihrer großen Detailkenntnis und vorhandener, moderner Datendokumentation konnten die beiden Landwirte auch gelassen an der ersten Befragung im Rahmen des Pilotprojektes zum Nachhaltigkeitsmodul Milch teilnehmen. Zu zweit haben sie nach eigenen Angaben eine gute Stunde gebraucht, um alle Fragen der insgesamt 84 Kriterien zu beantworten „Viele der Grunddaten sind ja jetzt vorhanden, sodass es die nächsten Male wahrscheinlich einfacher wird“, meint Christian Dreyer. Nur vereinzelt musste er für eine Antwort länger nachforschen. Etwa bei der Frage, wie lang sämtliche Wassergräben sind, die an ihr Land grenzen. Dies zu klären, hat ihn noch einmal etwas Zeit gekostet, zumal er zuvor noch herausfinden musste, welche der älteren Gräben überhaupt noch Wasser führen. Es war aber ein einmaliger Aufwand.

Sobald die Gesamtauswertung der Datenerhebung durch die Sammelgenossenschaft abgeschlossen ist, erfahren Dreyer und Stegemann ihre Ergebnisse. Alle teilgenommenen Höfe bekommen unter Wahrung des Datenschutzes zurückgespielt, wie gut sie im Vergleich zu anderen Betrieben abgeschnitten haben. Im Fokus stehen dabei die vier Nachhaltigkeitsdimensionen Ökonomie, Ökologie, Soziales und Tierwohl. Dieser Einblick soll den Landwirten wertvolle Hinweise geben, wie zukunftsfähig ihre Höfe sind und wo eventuell noch weiterer Modernisierungsbedarf besteht.

Wenn sie an ihre Zukunft denken, sind Dreyer und Stegemann optimistisch. Zwar sind sie durch den Fall der Milchquote stärker den schwankenden Weltmarktpreisen ausgesetzt, aber sie denken langfristig. Auch dass ihnen ihre Milchmenge von der Molkerei garantiert abgenommen wird, gibt ihnen Sicherheit. Sie schließen sogar eine weitere Vergrößerung des Betriebs nicht aus. "Unsere neue Melkanlage könnte durchaus noch mehr Kühe schaffen. Und sogar der Platz für einen weiteren neuen Stall wäre da", sagt Stegemann. Das sei dann aber Aufgabe der nächsten Generation.

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