Grundlagen

Milch-Perspektiven

Wie nachhaltig wird Milch auf den Höfen erzeugt? Diese Frage stellen die Verbraucher, der Handel und auch die Industrie in den vergangenen Jahren immer häufiger. Das Nachhaltigkeitsmodul Milch gibt Molkereien und ihren Landwirten erstmals eine belastbare Antwort. Die Fakten und Details zum Pilotprojekt.

Große und international tätige Molkereikonzerne haben bereits seit Längerem eigene Programme für nachhaltige Milcherzeugung aufgelegt. Eine branchenweite und zugleich umfassende sowie praxisnahe Lösung für alle Molkereien gab es bislang jedoch noch nicht in Deutschland. Denn das System QM-Milch sorgt zwar seit 2003 zuverlässig für hohe Qualitäts- und Sicherheitsstandards bei der Milcherzeugung, mit klassischen Fragen der Nachhaltigkeit befasst sich QM-Milch jedoch nur zum Teil.

Diese Lücke füllt das neue Nachhaltigkeitsmodul. Für die Milchwirtschaft ist das ein großer Schritt im Rahmen der Wettbewerbsfähigkeit, Ressourceneffizienz und Transparenz: Verarbeiter, Handel, Verbraucher und NGOs wie zum Beispiel Tierschutzvereine interessieren sich national und international zunehmend dafür, unter welchen Bedingungen die Tiere auf den Höfen gehalten werden und wie mit den natürlichen Ressourcen wie Boden oder Biodiversität umgegangen wird. „Es ist wichtig, zu zeigen, dass sich die deutsche Milchwirtschaft dieser Aufgabe stellt“, meint Agrarexpertin Heike Kuhnert vom Projektbüro Land und Markt, das seit 2012 gemeinsam mit dem Thünen-Institut das Konzept des Nachhaltigkeitsmoduls erarbeitet hat.

Kriterien mit Bewertungsansätzen

Das Nachhaltigkeitsmodul umfasst viele verschiedene Fragen, die sich an Landwirte mit Milchproduktion richten. Es sind Fragen aus den Bereichen Ökologie, Ökonomie, Tierwohl und Soziales. Zum Beispiel: Wie ist das Verhältnis zwischen der Anzahl der Kühe und den vorhandenen Liege- und Fressplätzen? Wie zufrieden sind Sie mit der wirtschaftlichen Situation der letzten drei Jahre? Wie groß ist der Anteil der extensiv bewirtschafteten Grünlandfläche am Dauergrünland? Und wie viel hat der Betrieb in den letzten fünf Jahren in die Modernisierung der Milchproduktion investiert? Insgesamt sind es Fragen zu rund 84 Kriterien, größtenteils zum Ankreuzen und Daten-Eintragen, dazu einige wenige Freitextfelder.

Milcherzeugende Landwirte beantworten die Fragen in Eigenregie, häufig basierend auf bestehenden Dokumentationen. Die Fragebögen können auf Papier oder online ausgefüllt werden. Eine internetbasierte Datenbank unterstützt bei der systematischen Datenerhebung und Auswertung. Das Modul ist also prinzipiell als freiwillige Selbstauskunft angelegt. Ziel des Moduls ist es vor allem, Transparenz zu schaffen und branchenweit einen laufenden Lern- und Entwicklungsprozess in Gang zu setzen. Dabei wird dem Datenschutz und der Anonymität der einzelnen Betriebe gegenüber Dritten ein hoher Stellenwert beigemessen. Die Datennutzung erfolgt gemäß strengen vertraglichen Regelungen.

Siehe auch: Expertenrunde und Diskussion zum Nachhaltigkeitsmodul

Daten branchenweit vergleichbar

Zentraler Bestandteil des Moduls ist ein System, das die Antworten der Landwirte bewertet. Beurteilt werden die Aussagen anhand einer Viererskala: besonders gut, gut, ausreichend und ungünstig. Diese Einordnung der Leistung soll den jeweiligen Betrieben und Landwirten zeigen, wo sie im Vergleich zu anderen Höfen eventuelle Stärken oder Schwächen haben, und sie dazu anregen, sich weiterzuentwickeln. Zu diesem Zweck erhalten die Teilnehmer einzelbetriebliche Ergebnisberichte, so genannte Benchmarks. So werden die Ergebnisse des eigenen Betriebs denen aller befragten Milcherzeuger gegenübergestellt.

Molkereien erhalten auf diese Weise zudem erstmals systematisch nachhaltigkeitsrelevante Daten von ihren Milchlieferanten. Das befähigt sie dazu, wiederum ihre Kunden und auch die Öffentlichkeit in anonymisierter Form zu Nachhaltigkeitsaspekten der Milcherzeugung zu informieren. Molkerei und Milcherzeuger können aber auch gemeinsam die identifizierten Stärken und Schwächen analysieren und so Ansätze für Verbesserungen entwickeln.

Das Projektteam empfiehlt den teilnehmenden Molkereien, intern in einen Dialog zu treten, sobald die Ergebnisse da sind. Bei den Genossenschaften beispielsweise bietet es sich an, die vorhandenen Gremien oder Regionalgruppen für diesen Dialog zu nutzen und dann die Kreise auszuweiten. In diesem Rahmen können Molkereien und Landwirte gemeinsam darüber sprechen, wie sie die Gesamtergebnisse der Befragung wahrnehmen, welche Entwicklungsziele sinnvoll sind und welche Verbesserungsmaßnahmen in Frage kommen und umgesetzt werden sollen.

Zukunft des Nachhaltigkeitsmoduls

Weiterentwickeln soll sich auch das Nachhaltigkeitsmodul. Die Evaluierung des Moduls ist für 2019 vorgesehen. Dann wird eine Zwischenbilanz gezogen und auch mit Blick auf andere Kriteriensysteme analysiert, was fehlt oder was gegebenenfalls weniger wichtig ist. Außerdem arbeitet das Projektteam daran, die internationale Anschlussfähigkeit des Nachhaltigkeitsmoduls sicherzustellen: „Unser Ziel ist, dass die großen international tätigen Lebensmittelkonzerne unser Modul als Branchenlösung anerkennen“, erklärt Heike Kuhnert.

Auch aus diesem Grund steht das Projektteam in Kontakt mit Vertretern der SAI Dairy Working Group. Die SAI Platform wurde 2002 von Nestlé, Unilever und Danone gegründet. Heute zählt die Unternehmensinitiative rund 90 Mitglieder, vor allem Lebensmittelkonzerne und Handelsketten, die laut SAI ein gemeinsames Interesse an einer nachhaltigen Landwirtschaft teilen. Innerhalb dieser Initiative konzentriert sich die Dairy Working Group auf das Thema Milch und arbeitet intensiv mit dem Dairy Sustainability Framework (DSF), einem Zusammenschluss der internationalen Milchindustrie, zusammen. Der DSF erarbeitet derzeit Messkonzepte für elf Schlüsselkriterien (Global Criteria), darunter zum Beispiel Treibhausgas-Emissionen, Nährstoffe und Wasser.

Das Projektteam des Nachhaltigkeitsmoduls Milch hat den bisherigen Stand der elf DSF-Kriterien mit dem Nachhaltigkeitsmodul abgeglichen. Dabei wurde deutlich, dass beide Kriterienkataloge bereits gut miteinander harmonieren. Zum Teil gibt es kleinere Unterschiede und eine unterschiedliche Gewichtung bestimmter Themen. Abfall wird zum Beispiel beim DSF berücksichtigt, beim Nachhaltigkeitsmodul ist dagegen das Thema Tierwohl deutlich stärker ausgeprägt. Die Anschlussfähigkeit an internationale Nachhaltigkeitskriterien soll gewährleisten, dass die deutsche Milchwirtschaft auch künftig als Lieferant von global aktiven Konzernen der Lebensmittelindustrie und des Handels akzeptiert wird.

ENTSTEHUNG UND CHRONOLOGIE DES NACHHALTIGKEITSMODULS

Intensiver Branchenaustausch

Die Kriterien und das Bewertungssystem des Moduls wurden wissenschaftlich erarbeitet und in mehreren Workshops und in projektbegleitenden Teams diskutiert und festgelegt. An diesem intensiven Arbeits- und Dialogprozess waren – unter der Leitung von Prof. Dr. Nieberg vom Thünen-Institut – zwischen April 2015 und Februar 2016 viele verschiedene Akteure beteiligt: Molkereien, Milchviehbetriebe, Fachverbände, Umwelt- und Tierschützer, Fachwissenschaftler, Lebensmittelhandel und Ernährungsindustrie – mit zum Teil ganz unterschiedlichen Vorstellungen und Perspektiven. Mitte 2016 war das theoretische Konzept des Moduls ausgearbeitet. Dieser Prozess wurde finanziell unterstützt durch den QM Milch e. V.

Auch an Bord: die Wissenschaft

Das Nachhaltigkeitsmodul Milch ist ein Gemeinschaftsprojekt von Wissenschaft und Praxis. Beteiligt sind der Verein QM-Milch, der in Deutschland die Qualitätsstandards bei der Milchproduktion vorgibt und prüft, mit seinen Trägerverbänden Milchindustrieverband, Raiffeisenverband und Deutscher Bauernverband, das Projektbüro Land und Markt und das Thünen-Institut für Betriebswirtschaft. Das Thünen-Institut steuert die Ausarbeitung und Weiterentwicklung des Moduls und begleitet das Projekt mit wissenschaftlicher Expertise.

Ende Initialprojekt: April 2020

2017 startete offiziell die praktische Umsetzung: 34 Molkereien und ihre Landwirte begannen, das Modul auf Hofebene anzuwenden. Darunter auch die Uelzena eG. Die bundesweite Umsetzung ist als dreijähriges Pilotprojekt angelegt, das im April 2020 ausläuft und auf Beschluss des Bundestags vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft finanziell gefördert wird. Im Frühjahr 2019 lagen Ergebnisse von knapp 6000 Milcherzeugern aus 23 der insgesamt 34 teilnehmenden Molkereien vor. Da diese Milcherzeuger größtenteils aus dem Nordwesten Deutschlands stammen, sind die Auswertungen noch nicht bundesweit repräsentativ.

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