Schwerpunktthema 2016

Milch-Perspektiven

Wie nachhaltig wird Milch auf den Höfen erzeugt? Diese Frage stellen zunehmend Industrie, Handel und Verbraucher. Das Nachhaltigkeitsmodul Milch ermöglicht Molkereien und ihren Landwirten erstmals eine belastbare Antwort. Die Uelzena-Gruppe hat über das Projekt diskutiert.

Siehe auch: Expertenrunde und Diskussion zum Nachhaltigkeitsmodul

Große und international tätige Molkereikonzerne haben schon vor einiger Zeit eigene Programme für nachhaltige Milcherzeugung aufgelegt. Eine branchenweite und zugleich umfassende sowie praxisnahe Lösung für alle Molkereien gab es bislang jedoch noch nicht in Deutschland. Denn das System QM-Milch sorgt zwar seit 2003 zuverlässig für hohe Qualitäts- und Sicherheitsstandards bei der Milcherzeugung, mit klassischen Fragen der Nachhaltigkeit befasst sich QM-Milch jedoch nur zum Teil.

Diese Lücke füllt jetzt das neue Nachhaltigkeitsmodul. Für die Milchwirtschaft ist das ein wichtiger Schritt im Rahmen der Wettbewerbsfähigkeit und Transparenz: Verarbeiter, Handel, Verbraucher und NGOs wie zum Beispiel Tierschutzvereine interessieren sich national und international zunehmend dafür, unter welchen Bedingungen die Tiere auf den Höfen gehalten und welche Ressourcen dabei verbraucht werden.

Kriterien mit Bewertungsansätzen

Das Nachhaltigkeitsmodul setzt sich aus vielen verschiedenen Fragen zusammen, die sich an Landwirte mit Milchproduktion richten. Es sind Fragen aus den Bereichen Ökologie, Ökonomie, Tierwohl und Soziales. Zum Beispiel: Wie ist das Verhältnis zwischen der Anzahl der Kühe und den vorhandenen Liege- und Fressplätzen? Wie zufrieden sind Sie mit der wirtschaftlichen Situation der letzten drei Jahre? Wie groß ist der Anteil der extensiv bewirtschafteten Grünlandfläche am Dauergrünland? Und wie viel hat der Hofbetrieb in den letzten fünf Jahren in die Modernisierung der Milchproduktion investiert? Insgesamt sind es Fragen zu mehr als 60 Kriterien, größtenteils zum Ankreuzen und Daten eintragen, dazu einige wenige Freitextfelder.

Milcherzeugende Landwirte beantworten diese Kriterien in Eigenregie. Die Fragebögen können auf Papier oder online ausgefüllt werden. Eine internetbasierte Datenbank wird bei der systematischen Datenerhebung und Auswertung unterstützen. Das Modul ist also prinzipiell als freiwillige Selbstauskunft angelegt, nicht als weiteres Prüfaudit. Das Ziel des Moduls ist vor allem, Transparenz zu schaffen und branchenweit einen laufenden Lern- und Entwicklungsprozess in Gang zu setzen. Dabei wird dem Datenschutz und der Anonymität der einzelnen Betriebe gegenüber Dritten ein hoher Stellenwert beigemessen. Die Datennutzung erfolgt strengen vertraglichen Regelungen gemäß.

Daten branchenweit vergleichbar

Zentraler Bestandteil des Moduls ist ein System, das die Antworten der Landwirte bewertet. Beurteilt werden die Aussagen anhand einer Viererskala: besonders gut, gut, ausreichend und ungünstig. Diese Einordnung der Leistung soll den jeweiligen Betrieben und Landwirten zeigen, wo sie eventuelle Stärken oder Schwächen haben, und sie dazu anregen, sich weiterzuentwickeln. Das Ziel des Moduls ist aber ausdrücklich keine gesamtbetriebliche Nachhaltigkeitsbewertung. Deshalb werden auch keine Punkte oder Noten vergeben.  

Molkereien erhalten auf diese Weise erstmals systematisch nachhaltigkeitsrelevante Daten von ihren Landwirten. Das befähigt sie dazu, wiederum ihre Kunden und auch die Öffentlichkeit in anonymisierter Form auf Faktenbasis darüber zu informieren, wie nachhaltig sie ihre Milch produzieren. Sie können aber auch ihre Stärken und Schwächen analysieren, sich mit anderen Molkereien in der Branche vergleichen und so Ansätze für Veränderungen und Verbesserungen entwickeln.

Intensiver Dialogprozess

Die Kriterien und das Bewertungssystem des Moduls wurden in mehreren Workshops und in projektbegleitenden Teams ausgearbeitet, diskutiert und festgelegt. An diesem intensiven Arbeits- und Dialogprozess waren – unter der Leitung von Prof. Dr. Nieberg vom Thünen-Institut – zwischen April 2015 und Februar 2016 viele verschiedene Akteure beteiligt: Molkereien, Milchviehbetriebe, Fachverbände, Umwelt- und Tierschützer, Fachwissenschaftler, Lebensmittelhandel und Ernährungsindustrie – mit zum Teil ganz unterschiedlichen Vorstellungen und Perspektiven.

Die Träger des Moduls sind der Milchindustrieverband, der Raiffeisenverband, der Deutsche Bauernverband und der Verein QM-Milch, der in Deutschland die Qualitätsstandards bei der Milchproduktion vorgibt und prüft. Das Thünen-Institut für Betriebswirtschaft steuert die Ausarbeitung des Moduls und begleitet das Projekt mit wissenschaftlicher Expertise.

Neu: Start der Pilotphase

Anfang 2016 war das theoretische Konzept des Moduls ausgearbeitet. 2017 startet offiziell die praktische Umsetzung: 34 Molkereien und ihre Landwirte beginnen, das Modul auf Hofebene anzuwenden. Darunter auch die Uelzena eG. Es ist ein Pilotprojekt, das auf drei Jahre angelegt ist und auf Beschluss des Bundestages vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert wird. Geplanter Start für die Datenerfassung bei der Uelzena eG und den Mitgliedsbetrieben: Mitte 2017 in einem Zeitraum von drei Monaten. Die erste molkereiweite Auswertung soll Anfang 2018 vorliegen.