Grundlagen

Milch-Perspektiven

Wie nachhaltig wird Milch auf den Höfen erzeugt? Diese Frage stellen die Verbraucher, der Handel und auch die Industrie in den vergangenen Jahren immer häufiger. Das QM-Nachhaltigkeitsmodul Milch gibt Molkereien und ihren Landwirten erstmals eine belastbare Antwort. Die Fakten und Details zum Projekt.

Große und international tätige Molkereikonzerne haben bereits seit Längerem eigene Programme für nachhaltige Milcherzeugung aufgelegt. Eine branchenweite und zugleich umfassende sowie praxisnahe Lösung für alle Molkereien gab es bislang jedoch noch nicht in Deutschland. Denn das System QM-Milch sorgt zwar seit 2003 zuverlässig für hohe Qualitäts- und Sicherheitsstandards bei der Milcherzeugung, mit klassischen Fragen der Nachhaltigkeit befasst sich QM-Milch jedoch nur zum Teil.

Diese Lücke füllt das QM-Nachhaltigkeitsmodul Milch. Für die Milchwirtschaft ist das ein großer Schritt im Rahmen der Wettbewerbsfähigkeit, Ressourceneffizienz und Transparenz: Verarbeiter, Handel, Verbraucher und NGOs wie zum Beispiel Tierschutzvereine interessieren sich national und international zunehmend dafür, unter welchen Bedingungen die Tiere auf den Höfen gehalten werden und wie mit den natürlichen Ressourcen wie Boden oder Biodiversität umgegangen wird.

Kriterien mit Bewertungsansätzen

Das Nachhaltigkeitsmodul umfasst viele verschiedene Fragen, die sich an Landwirte mit Milchproduktion richten. Es sind Fragen aus den Bereichen Ökologie, Ökonomie, Tierwohl und Soziales. Zum Beispiel: Wie ist das Verhältnis zwischen der Anzahl der Kühe und den vorhandenen Liege- und Fressplätzen? Wie zufrieden sind Sie mit der wirtschaftlichen Situation der letzten drei Jahre? Wie groß ist der Anteil der extensiv bewirtschafteten Grünlandfläche am Dauergrünland? Und wie viel hat der Betrieb in den letzten fünf Jahren in die Modernisierung der Milchproduktion investiert? Der Kriterienkatalog umfasst Fragen zu rund 84 Kriterien, größtenteils zum Ankreuzen und Daten-Eintragen, dazu einige wenige Freitextfelder.

Milcherzeugende Landwirte beantworten die Fragen in Eigenregie, häufig basierend auf bestehenden Dokumentationen. Die Fragebögen können auf Papier oder online ausgefüllt werden. Eine internetbasierte Datenbank unterstützt bei der systematischen Datenerhebung und Auswertung. Das Modul ist also prinzipiell als freiwillige Selbstauskunft angelegt. Ziel des Moduls ist es vor allem, Transparenz zu schaffen und branchenweit einen laufenden Lern- und Entwicklungsprozess in Gang zu setzen. Dabei wird dem Datenschutz und der Anonymität der einzelnen Betriebe gegenüber Dritten ein hoher Stellenwert beigemessen. Die Datennutzung erfolgt gemäß strengen vertraglichen Regelungen.

Daten branchenweit vergleichbar

Zentraler Bestandteil des Moduls ist ein System, das die Antworten der Landwirte bewertet. Beurteilt werden die Aussagen anhand einer Viererskala: besonders gut, gut, ausreichend und ungünstig. Diese Einordnung der Leistung soll den jeweiligen Betrieben und Landwirten zeigen, wo sie im Vergleich zu anderen Höfen eventuelle Stärken oder Schwächen haben, und sie dazu anregen, sich weiterzuentwickeln. Zu diesem Zweck erhalten die Teilnehmer einzelbetriebliche Ergebnisberichte, so genannte Benchmarks. So werden die Ergebnisse des eigenen Betriebs denen aller befragten Milcherzeuger gegenübergestellt.

Molkereien erhalten auf diese Weise zudem erstmals systematisch nachhaltigkeitsrelevante Daten von ihren Milchlieferanten. Das befähigt sie dazu, wiederum ihre Kunden und auch die Öffentlichkeit in anonymisierter Form zu Nachhaltigkeitsaspekten der Milcherzeugung zu informieren. Molkerei und Milcherzeuger können aber auch gemeinsam die identifizierten Stärken und Schwächen analysieren und so Ansätze für Verbesserungen entwickeln.

Positives Fazit zur Pilotphase

In der Pilotphase des Nachhaltigkeitsmoduls von Juni 2017 bis Juni 2020 haben bundesweit nahezu 7500 Milcherzeuger an der Nachhaltigkeitsbefragung ihrer Molkereien teilgenommen. Das entspricht rund 12 Prozent der milcherzeugenden Betriebe in Deutschland. Von den Mitgliedsgenossenschaften der Uelzena-Gruppe haben bereits 443 Milcherzeuger den Fragebogen beantwortet. Das ist etwas mehr als die Hälfte aller Erzeuger.

QM-Nachhaltigkeitsmodul Milch – so geht es weiter

Im Juli 2020 startete die nächste Projektphase, die von den teilnehmenden Molkereien eigenständig finanziert wurde. Die Mehrzahl der Molkereien aus der Pilotphase und einige weitere Molkereien werden das dann weiterentwickelte Nachhaltigkeitsmodul Milch anwenden. Weiterentwickelt wurde zum einen der Fragebogen. So wurden zusätzliche Fragen und Antwortkategorien aufgenommen und einige Fragen gestrichen, unter anderem aufgrund von Kundenanforderungen. Zum anderen wurden einige Bewertungen der Kriterien aufgrund neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse und auf Basis der Ergebnisse der Multi-Stakeholder-Workshops angepasst. An den Ende 2019 durchgeführten Workshops waren neben Vertretern verschiedener Bereiche der Wertschöpfungskette Milch auch Wissenschaftler, Berater sowie Vertreter von NGOs, Verbänden der Agrarwirtschaft und aus dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft beteiligt.

ENTSTEHUNG UND CHRONOLOGIE DES NACHHALTIGKEITSMODULS

Intensiver Branchenaustausch

Die Kriterien und das Bewertungssystem des Moduls wurden wissenschaftlich erarbeitet und in mehreren Workshops sowie in projektbegleitenden Teams diskutiert und festgelegt. An diesem intensiven Arbeits- und Dialogprozess waren – unter der Leitung von Prof. Dr. Nieberg vom Thünen-Institut – zwischen April 2015 und Februar 2016 viele verschiedene Akteure beteiligt: Molkereien, Milchviehbetriebe, Fachverbände, Umwelt- und Tierschützer, Fachwissenschaftler, Lebensmittelhandel und Ernährungsindustrie – mit zum Teil ganz unterschiedlichen Vorstellungen und Perspektiven. Mitte 2016 war das theoretische Konzept des Moduls ausgearbeitet. Dieser Prozess wurde finanziell unterstützt durch den QM Milch e.V.

Auch an Bord: die Wissenschaft

Das Nachhaltigkeitsmodul Milch ist ein Gemeinschaftsprojekt von Wissenschaft und Praxis. Beteiligt sind der Verein QM-Milch, der in Deutschland die Qualitätsstandards bei der Milchproduktion vorgibt und prüft, mit seinen Trägerverbänden Milchindustrieverband, Raiffeisenverband und Deutscher Bauernverband und das Thünen-Institut für Betriebswirtschaft. Das Thünen-Institut steuert die Ausarbeitung und Weiterentwicklung des Moduls und begleitet das Projekt mit wissenschaftlicher Expertise.

Zeitablauf: 2017 – 2020

2017 startete die praktische Umsetzung der ersten Projektphase: 34 Molkereien und ihre Landwirte begannen, das Modul auf Hofebene anzuwenden. Darunter auch die Uelzena-Gruppe. Die bundesweite Umsetzung war als dreijähriges Pilotprojekt angelegt, das im Juni 2020 ausgelaufen ist und auf Beschluss des Bundestags vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft finanziell gefördert wurde. Bis Mitte 2020 sind Daten von nahezu 7500 Milcherzeugern in die Auswertungen eingegangen. Da diese Milcherzeuger größtenteils aus dem Nordwesten Deutschlands stammen, sind die Auswertungen noch nicht bundesweit repräsentativ. Die bundesweiten Ergebnisse wurden 2020 erfasst und ausgewertet. Auch explizit für die Uelzena-Gruppe wurde eine Endauswertung vorgenommen, welche erste Erkenntnisse aufweist und worauf sich Handlungsempfehlungen ableiten lassen.

Zeitablauf: 2020 – 2023

Mitte 2020 startete das Nachhaltigkeitsmodul Milch in die zweite Projektphase und war auf weitere drei Jahre angelegt. Projektpartner des Folgeprojektes waren erneut das Thünen-Institut und QM Milch e.V., die das Projekt hinsichtlich Datenmanagement, Ergebnisauswertung und -aufbereitung begleiten und unterstützen sowie die gesamte Projektorganisation, -Koordination und -Kommunikation übernehmen. Insgesamt haben bundesweit 31 Molkereien und Milcherzeugergemeinschaften teilgenommen. Finanziert wurde das Fortsetzungsprojekt durch Eigenfinanzierung der teilnehmenden Molkereiunternehmen.